Geralds Corner: „Das Corona-AC“


 

Für die politisch Verantwortlichen muss sich die Corona-Pandemie anfühlen wie ein nicht enden wollendes Assessment Center. Management-Aufgaben (Organisation der Impfungen) wechseln sich ab mit Team-Übungen (Corona-Kabinett und Bund-Länder-Runden) und kommunikativen Herausforderungen (Lockdown vs. Lockerungen). Würden wir einen Auftrag zur Entwicklung eines ACs für angehende Politiker bekommen – die Corona-Pandemie wäre der ideale „Critical Incident-Case“.

Als Zuschauer der einschlägigen Talk- und Polit-Formate ertappe ich mich dabei, wie ich unwillkürlich in die AC-Beobachter-Rolle gleite. Und das „Corona-AC“ liefert eindeutige Ergebnisse, die sich kategorisieren lassen: am unteren Ende der Beurteilungs-Skala finden sich die „überforderten Staatsdiener“. Das sind loyale, fleißige Beamte, denen man die Überforderung schon von Weitem ansehen kann und die sich nichts sehnlicher wünschen, als endlich wieder in den Verwaltungs-Modus schalten zu können. Die Flut der Veränderungen, das „auf-Sicht-Fahren“ und die Unmöglichkeit, einer Virus-Pandemie Struktur und Standard zu geben, offenbart den eklatanten Mangel an „Treibsandtauglichkeit“.

Die Gruppe der „Polit-Wissenschaftler“ weiß in diesem AC auch nicht restlos zu überzeugen. Als Heuristiker beschäftigen sie sich analytisch-logisch mit der Problemlösung, sind aber schier fassungslos ob der „irrationalen“ oder gar „emotionalen“ Reaktion von „Querdenkern“ oder „Impfgegnern“ und wirken außerhalb ihres politisch-wissenschaftlichen Spielfeldes häufig hilflos und eng. Die Folge: radikale Forderungen, die an der Lebensrealität vorbeigehen und genauso radikal abgelehnt werden.

Von den „Staatsdienern“ grenzen sich die „Staatslenker“ ab, die im Bewusstsein der vollen, „ganzheitlichen“ Verantwortung ihr Territorium markieren und ganz offensichtlich Freude an der Sichtbarkeit ihrer regionalen und lokalen Alleingänge entwickeln. Das Detail wird gescheut, stattdessen gefällt man sich als Ankündiger von Leitlinien und Sponsor von Bazooka-artigen Rettungsschirmen. Darf man in so einer ernsten Lage Eitelkeit und Profilierungsgehabe unterstellen? Als Beobachter im „Corona-AC“ (und im Wahljahr 2021) muss man es sogar.

Und schließlich – ja, es gibt sie und es sind gar nicht wenige- erleben wir auch die Change-Manager*innen, die sowohl die vieldimensionale Komplexität verstehen und gewichten können, als auch ständig und immer wieder von Neuem Lösungsvorschläge entwickeln, die schnell und verständlich umsetzbar sind. Sie begeben sich ins Detail wenn nötig und betrachten dabei doch immer die Reaktionen im Gesamtsystem. Sie verfügen über genau jene pragmatische Intelligenz und Agilität, die eben nicht dogmatisch-eng daherkommt, sondern integrativ wirkt und Akzeptanz erzeugt. Ein echter Krisen-High-Performer mit Potenzial für mehr.


Sollten Ihnen zu den beschriebenen Kategorien gleich einige Namen eingefallen sein, so sei noch ein Hinweis gegeben: Am 26.9. ist Bundestagswahl. Spätestens dann werden die Ergebnisse des „Corona-ACs“ sichtbar gemacht. Die Beobachter entscheiden.